Der Fall    (Aus "Der Praktische Arzt" Ausgabe 7/92)

Meningitis ohne Meningismus

Im ärztlichen Notdienst wurde ich gegen 20:45 Uhr zu einem jungen 17-jährigen Patienten gerufen, der mit hoch fieber- haftem Infekt zu Hause lag. Der Patient hatte seit etwa Mittag über Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Fieber bis zu 40 Grad angegeben. Das Fieber sei kurz vor Eintreffen des Arztes auf etwa 39 Grad wieder herunter gegangen. Bei der körperlichen Untersuchung zeigte sich ein junger Mann in etwas reduziertem Allgemein- zustand, der offensichtlich Fieber hatte.

  Er berichtete, dass er im Verlaufe des Tages eine Pizza gegessen habe, gegen Abend habe er jedoch alles wieder erbrochen, sich daraufhin auch etwas erleichtert gefühlt.

  Die körperliche Untersuchung zeigte sowohl in der HNO-Inspektion, als auch bei der Thoraxauskultation keine Besonderheiten. Auch klagte er nicht über massive Kopf- schmerzen, er schilderte einen diskreten Druckschmerz im Epigasticum und Unterbauch. Darmgeräusche waren normal vorhanden,

 

keine Resistenzen, Leber/Milz nicht tastbar. Die Beweglichkeit der Extremitäten war in der ersten Orientierung unauffällig. Neurologisch ebenfalls keine Auffälligkeiten. Insbesondere in dem Sinne, dass der Patient über keinerlei Parestäsien, Bewegungsstörungen, Empfindungsstörungen klagte. Wie bei jedem fieberhaften Infekt wurde auch bei dem Patienten die Nackenschleife abgefragt und die Nackenbeweglichkeit überprüft. Weder diese noch die auch durchgeführte Prüfung nach Lasegue waren jedoch positiv.

  Der Patient wurde im Verdacht auf fieberhaften Allgemein bzw. Magen-Darm-Infekt mit MCP-Tropfen, Paracetamol und Penecillin versorgt.

  Am frühen Morgen gegen 5:00 Uhr hatte sich der Zustand des Patienten erheblich verschlech- tert. Das Fieber war trotz Paracetamol-Gabe nicht zurückgegangen, der Patient war orientiert und ansprechbar, jedoch sehr schwach, der Blutdruck auf 100 : 50 abgefal- len und am ganzen Körper insbesondere am

Thorax, an den Armen und an den Füßen imponierten zahl- reiche hämorrhagische Blutungen von 1 mm bis ca. 2 cm Durchmesser. Daraufhin wurde der Patient mittels Diagnose - Verdacht auf hämorrhagische Diathose unklarer Ursache bei hoch- fieberhaftem Infekt - nach tele- fonischer Ankündigung sofort in die Notaufnahme der inneren Ambulanz der Städtischen Kliniken überwiesen. Nach Rücksprache am nächsten Tag wurde die Diagnose Ver- brauchskoagylopathie bei Verdacht auf Meningitis mit Meningokokken Sepsis erho- hoben. Die Diagnose wurde am nächsten Tag nach Erreger- bestimmung bestätigt.

  Ohne der endgültigen Diagnose vorgreifen zu wollen, zeigte sich doch, dass auch die regelmäßige und sorgfältige Prüfung auf Meningitische Zeichen auch bei negativem Befund nicht die Sicherheit gibt, dass nicht doch sich in einem fulminaten Verlauf eine Meningitis entwickelt.